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SPRACHBIOGRAPHIE

Ali, 40:

Persisch / Deutsch / Englisch / Arabisch / Türkisch
Ohne Wehrdienst kein Pass

Ali ist im Teheran aufgewachsen, seine Muttersprache ist Persisch. Seine Mutter flüchtete mit einem seiner zwei Brüdern und seiner Schwester nach Österreich, um den Kindern eine bessere Zukunft zu sichern – zum damaligen Zeitpunkt tobte der erste Golfkrieg. Sein Vater blieb in Teheran, wo er noch heute lebt. Ali's Tante und Onkel lebten zum Zeitpunkt der Flucht bereits in Österreich. Die Familie hatte sie zuvor schon einmal in den Ferien in Graz besucht. Ali konnte nicht mit der Mutter und den Geschwistern ausreisen, da man im Iran erst nach Ablegen des zweijährigen Wehrdiensts Anspruch auf Erlangung eines Reisepasses hat. Nach der Matura bewarb sich Ali für ein Studium. Dafür muss man im Iran einen landesweiten Zugangstest bestehen, den man in jenen Fächern ablegt, die für das gewünschte Studium vorausgesetzt werden. Ali musste den Test in den Fächern Kunst und Biologie belegen. Da er den Test in Biologie nicht bestand, musste er gleich zum Wehrdienst.

Sieben Jahre für ein Visum

Für die Mutter war es nicht leicht in Österreich zu sein, da sie ihre Kinder bei sich haben wollte. Ali aber musste sieben Jahre warten, um ein Visum zu bekommen, obwohl seine Mutter bereits im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft war. Er führt dieses lange Warten auch auf die damals äußerst schlechte rechtliche Beratung für AusländerInnen hier in Österreich zurück. In der Zwischenzeit erlernte Ali in Teheran den Beruf für Teppichkunst. Das Knüpfen lernte er bereits in seiner Kindheit, da seine Mutter Künstlerin war und Wandteppiche herstellte. Sein Bruder blieb nur bis zu seinem 17. Lebensjahr in Österreich, da er sich nicht wohl fühlte und der Musik wegen wieder in sein Heimatland wollte. Jahre später kam er aber wieder nach Österreich zurück.

Keine Notwendigkeit Deutsch zu lernen

Schließlich bekam Ali mit 27 Jahren ein touristisches Visum für drei Monate und fand durch verwandtschaftliche Hilfe schnell eine Arbeit in einem Teppichladen. Dort gab es für Ali keine Notwendigkeit Deutsch zu lernen, da sein Chef Persisch sprach und er mit Kunden nie direkt in Kontakt war. Sein erstes negatives Erlebnis hatte er auf einer Kunstmesse: er wurde von einem Besucher angesprochen, verstand kein Wort und konnte nichts sagen. Seine einzigen deutschen Worte zum damaligen Zeitpunkt waren: "Hallo", "Auf Wiedersehen" und "Entschuldigung".

Ein Tag Deutschkurs, dann wollte er nicht mehr

Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten wollte er in Österreich bleiben. Deutsch lernte er mit seiner ersten Frau. Sie sprach mit ihm Englisch und ließ immer mehr deutsche Wörter in die alltägliche Konversation einfließen, wodurch er langsam Deutsch lernte. Einen Deutschkurs besuchte er nur einen Tag, dann wollte er nicht mehr. Heute spricht Ali gut Deutsch und hat keinerlei Verständnisprobleme.

Sprachen lesen, aber nicht verstehen

Neben Persisch und Deutsch spricht er auch noch Englisch, das er in der Schule gelernt hat, und Türkisch. Er kann Arabisch lesen, aber nicht verstehen, mit Ausnahme von arabischen Wörtern, die im Persischen vorkommen. Das Erlernen des Arabischen in seiner Schulzeit beschreibt er als qualvoll. Mit seiner Familie spricht er ausschließlich Persisch. Alis Schwester, die sehr jung nach Österreich kam, verwendet teilweise deutsches Fachvokabular, das sie auf Persisch nicht kennt. Nach Ali soll man jedoch im Persischen keine fremden Wörter einfließen lassen: „das kommt nicht gut an und ist nicht sympathisch.“

Die Kunden reagieren negativ auf seinen Akzent

Ali ist selbstständiger Taxifahrer in Graz. Seine Kunden reagieren sehr unterschiedlich auf seinen Akzent und die erste Frage beim Einsteigen ist meist: „Woher kommst du?“. Das empfindet er nicht als unangenehm, weil er inzwischen weiß, wie wichtig es für Österreicher ist, zu fragen, woher man kommt. Viele beginnen sofort ein rudimentäres Deutsch zu sprechen, was Ali nicht gefällt. Aber auch wenn er seine Gäste darauf aufmerksam macht, dass er die regionale Varietät des Deutschen sehr gut versteht, sprechen sie meistens trotzdem im „foreigner talk“ weiter. Viele ÖsterreicherInnen begegnen ihm aufgrund seines Akzentes oft mit einem negativen Ton und ausländerfeindlichen Witzen, was ihn jedoch nicht ärgert.

Heimat?

Auf die Frage, was für Ali Heimat bedeutet bzw. wo diese ist, antwortet er: „Ich fühle mich in Graz weder als Perser noch als Österreicher. Aber ich will meine Herkunft nicht leugnen, bin stolzer Perser.“ Ali hat zwei Kinder, mit denen er aber Deutsch spricht, wobei er ein wenig bedauert, dass seine Kinder nicht zweisprachig aufgewachsen sind.
Er kann auf Persisch, Englisch, Deutsch, Türkisch und Arabisch lesen. Er besorgt sich neben den österreichischen Tageszeitungen auch hin und wieder eine Zeitung aus seinem Herkunftsland. Am liebsten liest er persische Literatur, vor allem Gedichte aus dem Iran, auf die er sehr stolz ist.

Keine Zeit mehr auf Persisch zu denken!

Ali denkt und träumt nur mehr auf Deutsch: „Ich hab kein Zeit mehr auf Persisch zu denken!“. Beim Fluchen variiert er sprachlich je nach seinem Gegenüber (Deutsch oder Persisch). Ali ist aus einer sehr musikalischen Familie, in der jedes Familienmitglied mindestens ein Instrument spielt. Ali singt nur auf persisch. Die persische Musik, Literatur, seine Familie in Graz, ein paar Freunde und ein Arzt sind der einzige Kontakt zum Persischen. Früher gab es in Graz auch ein gutes persisches Restaurant, das heute nicht mehr geführt wird. Briefe schreibt Ali kaum, seitdem er ein Profil bei Facebook hat, das für ihn ein wichtiger und schneller Kontakt zur Heimat ist.

Diese Sprachbiographie wurden von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz erarbeitet.

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