MULTILINGUAL GRAZ
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SPRACHBIOGRAPHIE

Familie L.:

Spanisch / Deutsch / Kurdisch / Türkisch / Slowenisch

In der Familie L. leben 5 Personen, die in ihrem Alltag 4 Sprachen verwenden: Deutsch, Spanisch, Kurdisch und Türkisch.

„Mein erster Ehemann“, so Luzia, „war einer der ersten Spanier in Graz und war durch seine Art und sein Aussehen die Verkörperung der spanischen Kultur und hat dem Klischee 100 Prozent entsprochen.[…] Er war gar kein „Ausländer“ in dem Sinn.“ Spanisch hat ein ähnlich hohes Prestige wie Deutsch und findet sehr oft Anklang und positive Reaktionen. Luzias zweiter Ehemann kommt aus der Türkei. Einwanderer aus der Türkei haben eine völlig andere soziale Stellung und somit auch Luzias zweiter Ehemann. Ein Großteil der Grazer sieht in der türkischen Bevölkerung eine Bedrohung ihrer westlichen Kultur und Religion. Tatsache ist, was viele Grazer nicht wissen, dass 80 Prozent der türkischen Mitbürger in Graz Kurden sind. Viele Türken schätzen die Kurden weitgehend gering, bilden in Graz jedoch Zweckgemeinschaften mit ihnen. So hat der Mann von Luzia einen türkischen Rechtsanwalt oder eine türkische Autowerkstatt. Durch das soziale Netz in Graz stehen sich ironischer Weise Türken den Kurden näher als anderen Bevölkerungsgruppen.

Der erste Mann von Luzia ist Spanier. So haben ihre drei gemeinsamen Kinder vor allem in ihrer Kindheit zu Hause zwei Sprachen gesprochen. Für Luzia und ihre drei Kinder ist Spanisch die emotionale Muttersprache.

Spanisch in der Familie

Bereits innerhalb der Generation der drei Kinder ist ein deutlicher Verlust der aktiven Kompetenzen des Spanischen bemerkbar. Die älteste Tochter der Familie hat in den ersten Lebensjahren ausschließlich Spanisch gesprochen und hat erst mit dem Besuch des Kindergartens begonnen Deutsch aktiv zu verwenden. In ihrer zweiten Muttersprache kann sie nach wie vor alles verstehen und fast alles sagen, was je nach Umfeld und Vokabular variiert. Bereits bei der drei Jahre jüngeren Schwester ist ein Verlust der aktiven Kompetenz bemerkbar. So wie ihre ältere Schwester kann sie ohne Probleme über den Haushalt, Schule und Familie sprechen, in vielen anderen Bereichen, also wenn sie mit spanischsprechenden Freunden unterwegs ist, mangelt es an Vokabular und vor allem Redewendungen. Trotzdem ist ihre passive Kompetenz bei noch beinahe 100%. Der jüngste Sohn der Familie hat fast nur mehr passive Kompetenz, außer bei Weihnachts- und Kinderliedern und einfachster Konversation. Denn als im Haushalt noch aktiv zwei Sprachen verwendet wurden, war er noch zu klein und hatte kein Interesse. So sprach der Vater mit seinen Kindern zwar Spanisch, die beiden jüngeren Geschwister antworteten meist deutsch.

Erst heute entwickelt der jüngste Sohn ein zunehmendes Interesse an seiner Zweitsprache und an seiner zweiten Heimat.
Alle Kinder haben Englisch in der Schule gelernt, die beiden älteren Töchter der Familie haben zusätzlich Spanisch gelernt, d.h. Sie können somit auch spanisch schreiben.
Nachdem der erste Mann von Luzia ausgezogen ist, hat sie versucht den aktiven Gebrauch der Zweitsprache ihrer Kinder aufrecht zu erhalten, indem sie ausschließlich spanische Erasmusstudenten als Babysitter engagiert hat, mit denen die Kinder Spanisch sprechen mussten.
Heute wird im Haushalt Spanisch gesprochen, wenn etwas beredet wird und Gäste da sind, die es nicht hören sollen, viele Haushaltsgeräte werden mit den spanischen Bezeichnungen benannt. Abgesehen davon wird fast ausschließlich auf Spanisch gesungen.

Slowenische Wurzeln

Die Mutter von Luzia ist an der slowenischen Grenze in Kärnten aufgewachsen und spricht Deutsch und Slowenisch. Da sie ihre Kinder in der Obersteiermark großgezogen hat, haben diese keine Kompetenzen im Slowenischen. Sie selbst spricht Slowenisch noch mit ihren Schwestern.

Ihren Enkelkindern hat sie slowenische Lieder vorgesungen, daher können diese noch auf Slowenisch singen. Luzia hat zwar selbst nie Slowenisch gesprochen, im Alltag mit ihren Verwandten jedoch noch einzelne Worte und Bezeichnungen verwendet.

Kurdisch kommt in die Familie

Der zweite Mann von Luzia ist kurdischer Türke, stammt aus einem kurdischen Dorf Anatoliens und ist vor 6 Jahren nach Österreich gekommen. Im Haushalt, in dem er lebt, wird zwar hauptsächlich Deutsch gesprochen, trotzdem verwendet er im Alltag fast nur Kurmanci-Kurdisch und Türkisch. Interessant ist, dass er zwar mit der gesamten Verwandtschaft Kurdisch spricht, jedoch nie gelernt hat Kurdisch zu schreiben, weshalb er SMS, E-Mails, etc. nur auf Türkisch verfasst. Deutsch spricht er lediglich mit seiner Frau, ihren Kindern und Haustieren und wenn er mit Handwerkern, Kunden, etc. zu tun hat, die weder Türkisch noch Kurdisch sprechen, was allerdings eher selten ist.

Luzia unterrichtet Spanisch und spricht in ihrem beruflichen und privatem Umfeld sehr viel Spanisch. Durch das Zusammenleben mit ihrem ersten Mann spricht sie so akzentfrei, dass sie oft selbst für eine Muttersprachlerin gehalten wird.

Kurdisch hat sie soweit gelernt, dass sie mit den nicht deutschsprechenden Familienmitgliedern einfachste Konversation führen kann, und hat gelernt Fragen und Bedürfnisse zu formulieren. Aus Interesse hat sie sich lange mit der Struktur der kurdischen Sprache befasst.

Diese Sprachbiographie wurden von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz erarbeitet.

MULTILINGUAL GRAZ ist ein Forschungsprojekt von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz
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