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SPRACHBIOGRAPHIE

Perihan, 28:

Türkisch / Deutsch
Lazen leben am Schwarzen Meer

Perihan ist Türkin und 28 Jahre jung, sie wurde in Trabzon geboren, einer Stadt im Norden Anatoliens, am Schwarzen Meer. Dort ist es gebirgig und die Natur ist saftig grün, genau wie hier in der Steiermark, sagt sie. Die Leute dort sprechen den örtlichen Dialekt des Türkischen den "karadeniz lehçesi – Schwarzmeerdialekt", wie man heutzutage sagt. Früher sagte man "lazce - lazisch", nach den Lazen, einer ethnischen Minderheit, die in der Türkei und Georgien entlang der Küste siedelte. Die Sprache, die sie sprachen und sehr vereinzelt auch heute noch sprechen, hat jedoch nichts mit Türkisch zu tun. Perihan ist eigentlich selbst Lazin, doch sie hat sich nicht viel von der Kultur erhalten. Leider, wie sie findet. Denn sie kann sich an viele Dinge noch gut erinnern, wie z.B. an die Kemenche (ein traditionelles Streichinstrument) ihres Großvaters und an das charakteristische Maisbrot ihrer Großmutter. Das ist alles verloren gegangen, als sie mit viereinhalb Jahren nach Österreich kam, zusammen mit den Eltern und Geschwistern.

Türkisch in Wien

In Wien, wo ihr Vater eine Arbeit gefunden hatte, lernte sie andere türkische Kinder kennen, die sie wegen ihrem komischen Dialekt prompt verspotteten. Der wurde ihr dann auch durch die Wiener Sprechergemeinschaft und durchs türkische Fernsehen ausgetrieben.

Deutschsprachige Schulerfahrungen

Sie kam auf die Volksschule und begann Deutsch zu lernen. Trotz der guten Fortschritte, die sie machte, war Deutsch am Anfang für sie nicht besonders erfreulich, denn sie musste lernen, dass auch die deutschsprachigen Kinder sie verspotteten, wenn auch aus anderen Gründen. Sogar die Lehrerin auf der Volksschule war gegen sie, ständig sagte sie Dinge, wie "es liegt den Türken im Blut, zu lügen und zu stehlen" und aus Prinzip, wenn etwas gesucht wurde, wurde Perihans Schultasche auf dem Lehrerpult ausgeleert. Ab der dritten Klasse wurde es besser, sie kam in einen Förderkurs mit einer Lehrerin, die sie darin bestärkte, weiter Deutsch zu lernen und die ihre Fortschritte wertschätzte. Auch ihre Eltern waren stets darauf versessen, dass sie und ihre Geschwister diese Sprache gut lernten. Mutter und Vater wollten unbedingt verhindern, dass ihre Kinder in eine so missliche Lage wie sie selbst gerieten. Denn sie sprechen heute noch brüchiges Deutsch und innerhalb der Familie lieber Türkisch. Wohingegen die Kinder bereits im Schulalter begannen miteinander auf Deutsch zu reden. Perihan ging auf die Hauptschule und auf ein Wirtschaftsgymnasium, das sie schnell wieder verließ und ihre Matura auf einem allgemeinen Gymnasium machte.

Berufsausbildung

Nach der Schule wollte Perihan an der Uni studieren, doch das konnte sich ihre Familie nicht leisten. Deshalb ging sie an die pädagogische Akademie und studierte Deutsch und Geschichte auf Lehramt.

Graz ist nicht Wien (Graz ist anders)

Später heiratete sie einen Kurden und zog zu ihm nach Graz. Seiner Familie passte es nicht besonders, dass sie Türkin (und nicht Kurdin) war. Manche verweigerten sogar, mit ihr Türkisch zu sprechen. Überhaupt war die Gemeinschaft türkischer Immigranten in Graz ganz anders, als sie es von Wien gewohnt war, meint Perihan. Hier ist es schlecht angesehen, wenn man miteinander auf Deutsch redet, in Wien war das selbstverständlich. Auch mit der Religion halten es die Grazer Türken, bzw. mehrheitlich Kurden, strenger als die Wiener: Perihan unterrichtete unter anderem für einige Zeit Deutsch in der Moschee des "Vereins islamischer Zentren". Von den Mädchen wurde verlangt, dass sie dort im Unterricht Kopftuch tragen. So etwas kannte Perihan aus Wien nicht und sie verstand es auch nicht: "Warum sollte man ihnen die Rituale aufzwingen, ohne die Werte und die Philosophie dahinter zu vermitteln?" Sie unterrichtete nicht sehr lange dort. Momentan arbeitet sie bei ISOP ("innovative Sozialprojekte") und macht nebenher eine "Deutsch als Zweitsprache"- LehrerInnen-Ausbildung (DaZ).

Zu ihrer Familie am Schwarzen Meer hat Perihan nur noch wenig Verbindung. Sie war öfters dort zu Besuch, doch das Heimatgefühl blieb aus. Sie ist nirgends richtig zuhause - überall Ausländer, sagt sie. Auf die Frage, ob sie sich selbst eher als Türkin oder als Österreicherin sehe, antwortet sie selbstsicher: "Ich habe beide Identitäten und fühle mich beiden Kulturen angehörig. Das verstehen viele nicht, aber für mich ist es kein Problem".

Diese Sprachbiographie wurden von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz erarbeitet.

MULTILINGUAL GRAZ ist ein Forschungsprojekt von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz
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