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SPRACHBIOGRAPHIE

Florim, 48:

Albanisch/Deutsch/Serbisch/Kroatisch/Slowenisch/Arabisch

Florim zog aus finanziellen Gründen bereits mit 18 Jahren ins Ausland, um seine Familie ernähren zu können. Viele Geschichten kosovarischer Männer fangen mit diesem Satz an. Florim ist das jüngste von sechs Kindern. Seine zwei älteren Brüder und Schwestern waren bereits verheiratet und hatten die eigene Familie zu versorgen. Es wurde viel Geld benötigt für die vielen Familienmitglieder und da die älteren Brüder bereits Kinder hatten und mehr Verpflichtungen hatten als Florim damals, beschloss dieser ins Ausland zu ziehen

Auf der Suche nach einem sicheren Arbeitsplatz im Ausland

Bekannte und Verwandte halfen ihm, ins Ausland zu gelangen, indem sie ihn für ein paar Monate aufnahmen, in denen er alles versuchte ein Arbeitsvisum zu beantragen um arbeiten zu können. Seine erste Destination war Libyen, wo er Arabisch lernte. Nach 3 Jahren kam er zurück nach Kosovo und heiratete seine Frau Emira, die ihm die Eltern vorgestellt hatten und auch vorgeschlagen hatten, sie als Frau zu nehmen. Da beide sich gut verstanden, waren sie auch einverstanden zu heiraten, was sie dann kurz darauf auch wirklich taten. Linda war es bewusst, dass sie ihren Mann nicht oft sehen würde, aber dafür wusste sie auch, dass er ihr eines Tages, wegen seines Auslandsaufenthaltes ein besseres Leben garantieren würde. 3 Jahre später bekam Florim die Möglichkeit auf ein Arbeitsvisum in Italien, wo er aber nur kurz arbeitete, da ihn seine Firma in die Schweiz weiterschickte. Nach ein paar Jahren gelang er schließlich und endlich durch Verwandte nach Österreich, wo er eine sichere Arbeit am Bau fand, und so wurde ihm auch das Visum verlängert. 5 Jahre später beantragte Florim die Staatsbürgerschaft und bekam diese auch. Nur so war es möglich, seine Frau und Kinder 8 Jahre später – im Jahre 1998 – vor dem Krieg zu schützen und sie nach Österreich zu holen.

Sprachen für die Arbeit

Florim arbeitet heute als Bauarbeiter. Die deutsche Sprache braucht er in seinem Alltag so gut wie gar nicht. Die meisten seiner Arbeitskollegen kommen nämlich aus Kroatien, Bosnien, Slowenien, Kosovo und auch andere Länder. Er erklärt, dass man auf dem Bau nicht wirklich Deutsch können muss, denn mit seinen Arbeitskollegen, mit denen er schon seit über 18 Jahren zusammenarbeitet, spreche er kroatisch/bosnisch/serbisch und slowenisch. „Deutsch ist nur wichtig mit Chef“, lacht Florim.

Witze lässt er übersetzen

Mit österreichischen Freunden spricht Florim Deutsch, jedoch fällt es ihm sehr schwer, sich gut auszudrücken. Er erzählt, dass er oft eines seiner Kinder holt, damit sein Witz so übersetzt werden kann, damit sein Freund diesen auch richtig versteht. Der Humor geht leider ein bisschen verloren. Aber wie soll er als Bauarbeiter, der so wenig Zeit hat und den ganzen Tag alle Sprachen außer Deutsch spricht, dann noch Zeit finden, um der deutschen Sprache auf den Grund zu gehen, fragt sich Florim.

Auf dem Weg in die Heimat

Seine Heimat ist Kosovo, sagt er. Dorthin fährt Florim bis zu 5 Mal im Jahr, um seine Familie zu besuchen und um nach seinem Haus zu sehen. Das sind zwar bis zu 30 Stunden Autofahrt hin und retour, die ihm aber auf jeden Fall wert sind.

Auf dem Weg nach Kosovo spricht Florim bereits mehrere Sprachen. Er spricht zwar eigentlich kein Ungarisch, kann sich aber an der ungarischen Grenze problemlos verständigen, da er sich diese paar Zeilen, die man dort braucht, gemerkt hat. In Kroatien hat er ebenso wenige Probleme sich zu verständigen. Auch in Serbien versteht er alles, was die Polizisten sagen und kann auch Serbisch antworten. Er sagt, er fühle sich aber nur dort richtig wohl, wo auch seine Muttersprache gesprochen wird, weil er sich nur so verstanden fühlt.

Diese Sprachbiographie wurden von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz erarbeitet.

MULTILINGUAL GRAZ ist ein Forschungsprojekt von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz
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