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SPRACHBIOGRAPHIE

Magdaline, 26:

Luo / Swahili / Englisch
Zuhause Luo, in der Schule nur Swahili oder Englisch

Magdaline wurde vor 26 Jahren in der Nähe von Kisumu in Kenia geboren. Sie ist das fünfte von sieben Kindern berufstätiger Eltern: ihr Vater ist Lehrer und war lange Zeit als Grundschuldirektor tätig, ihre Mutter arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten. Die Familie Okumu gehört den Luo an - diese ist nach Kikuyu und Luyha die drittgrößte Ethnie Kenias. Daher bezeichnet Magdaline Luo als ihre Muttersprache, die zu Hause und in der weiteren Familie gesprochen wurde. Ihre Schuljahre verbrachte sie in streng katholischen Privatschulen, in welchen sie nur Swahili oder Englisch sprechen durfte - in der Oberstufe wurde das so geregelt, dass je nach Wochentag der Unterricht entweder in Englisch oder Swahili abgehalten wurde. Englisch wurde nur in der Schule unterrichtet und in ländlichen Gegenden wie jener aus der Magdaline stammt, nicht wirklich gesprochen - wer es sich nicht leisten konnte die Schule zu besuchen, konnte kein Englisch.


Und dann auf einmal auch Deutsch!

Nach der Matura im Jahre 2002 zog sie zu ihrer Kusine nach Mombassa und absolvierte dort ein College für Tourismusmanagement mit Schwerpunktsprache Deutsch. Aufgrund dieser Ausbildung arbeitete sie dann für einige Monate als unbezahlte Praktikantin in einem Hotel, das ihr eine Fixanstellung nach Beendigung des Praktikums versprach - soweit kam es jedoch nicht, da Magdalines Vater ihr die Möglichkeit, für ein Jahr nach Europa zu gehen, in Aussicht stellte und Magdaline sich nach langem Überlegen dafür entschied, in Deutschland ein Jahr als Au-Pair-Mädchen zu arbeiten und ihr Deutsch zu verbessern.


Auch in Deutschland spricht man Swahili und Englisch...

In der Stadt Hagen (Nordrhein- Westfahlen) verbrachte Magdaline dann dieses Jahr bei einer „super netten“ Familie und besuchte nebenbei einen Deutschkurs in einem Goethe Institut. Dort lernte Magdaline ein Mädchen aus dem Kongo kennen, mit dem sie Swahili sprach, da sie nicht die selbe Muttersprache hatten - ihr Swahili war jedoch vor allem in der Aussprache anders und durch andere Umgebungssprachen der Heimatländer beeinflusst - trotzdem haben sie sich mit Englisch, Deutsch und Swahili wunderbar verständigen können! Oft, so erzählt sie, hat sie vor allem am Beginn des Deutschlandaufenthalts auch mit ihrer Gastfamilie Englisch gesprochen, wenn sie das Gefühl hatte sich anders nicht verständlich machen zu können.

...und Deutsch!

Als das Jahr beinahe vorüber war setzte sie sich ein neues Ziel: Sie wollte an der FH Dortmund Informatik studieren. Aufgrund ihrer ausländischen Matura hätte sie dafür jedoch einige Ergänzungsprüfungen gebraucht. Bei Recherchen im Internet stieß sie auf Informationen über die Möglichkeit eines freiwilligen sozialen Jahres. Diese Idee begeisterte sie und sie bewarb sich in einem Behinderten- und Altenheim in der Nähe ihres damaligen Wohnortes. Sie wurde zu einem Vorstellungsgespräch geladen und erhielt die Zusage. Während der Zeit des freiwilligen sozialen Jahres wohnte sie in einer WG mit anderen Freiwilligen und sprach vorwiegend Deutsch. Aufgrund positiver Erfahrungen verlängerte sie ihr freiwilliges Arbeitsjahr um ein halbes Jahr, danach sollte sie und wollte sie auch nach Hause, da das Visum auslief.

Der Zufall führt nach Österreich...

Da es jedoch im Dezember 2007 bei den Präsidentschaftswahlen in Kenia aufgrund des Wahlbetrugsverdachts zu Unruhen kam und ein Bürgerkrieg zwischen zwei der größten Ethnien ausbrach und keine Flüge nach Kenia flogen, suchte Magdaline nach einem Ausweg - humanitäres Bleiberecht hätte nicht erwirkt werden können, da die Situation in Kenia laut Behörden zu „neu“ war. So landete sie schließlich in Österreich, um für sechs Monate hier in Voitsberg als Au-pair-Mädchen zu arbeiten. Danach sollte sie in Deutschland eine Ausbildung beginnen, die eben erst nach diesen sechs Monaten starten sollte. Nach diesen sechs Monaten war dann endlich wieder Ruhe in Kenia eingekehrt und Magdaline konnte für fünf Wochen in ihre Heimat zurückkehren und ihre Familie besuchen. Als sie wieder in Österreich war, erhielt sie den Bescheid, dass ihr Ansuchen um ein Visum für Deutschland abgelehnt worden war – trotz der Arbeitsstelle, da seitens des Arbeitgebers nachzuweisen gewesen wäre, dass kein deutscher Bürger die Qualitäten und Fähigkeiten für diesen Job hätte - und Magdaline entschied sich ein weiteres halbes Jahr bei der Familie in Voitsberg zu verbringen, um als Au-pair zu arbeiten.

Endlich am Ziel: das Studium der transkulturellen Kommunikation

Und wieder tauchte der Wunsch auf, zu studieren und wieder war die ausländische Matura ein Handicap. Nach erfolgreich bestandenem Vorstudienlehrgang - der ihre Matura gleichwertig machte - begann sie endlich mit dem Studium der Transkulturellen Kommunikation für Englisch, Deutsch und Spanisch an der Karl- Franzens-Universität Graz. In Magdalines Freundeskreis sind sehr viele Sprachen vorhanden - sie nutzt daher auch hier in Graz ihre Englisch und Swahilikenntnisse sehr oft. Auch im Kontakt zu ihren Verwanden in Kenia via Telefon oder E-Mail wird oft ein Gemisch der drei Sprachen Englisch, Swahili und Luo verwendet. Wenn sie mit ihrem aus Österreich stammenden Freund spricht, dann fast nur in Deutsch - gescherzt oder geschimpft wird jedoch oft auch auf Englisch - denn das kann jener ja glücklicher Weise auch - meint sie lachend…

Für Magdaline ist die Beschäftigung mit Sprache ein spannendes Gebiet und aufgrund ihres Studiums weiß sie ihr vielfältiges Sprachwissen auch sehr zu schätzen!

Diese Sprachbiographie wurden von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz erarbeitet.

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