Zeugnisse verdrängter Mehrsprachigkeit in den Operaten der Volkszählungen 1880-1910 in Graz

Zeugnisse verdrängter Mehrsprachigkeit in den Operaten der Volkszählungen 1880-1910 in Graz

Priorität des Forschungsprojekts Zeugnisse verdrängter Mehrsprachigkeit in den Operaten der Volkszählungen 1880-1910 in Grazist es die historische Mehrsprachigkeit anhand der Grazer Volkszählungen 1880-1910 zu rekonstruieren.

Im 19. Jahrhundert wuchs Graz, wie viele europäische Städte, zu einem bedeutenden Zentrum gesellschaftlicher Veränderungen heran und war geprägt von Zuwanderung und Expansion. Im Rahmen des Zensus ab 1880 wurden die Umgangssprachen der Bevölkerung erfragt, was jedoch widersprüchliche Angaben in Bezug auf die sprachliche Diversität zeigte: 1900 gaben 29.795 Personen an aus slowenisch sprechenden Gebieten zu kommen, aber nur 1.430 nannten Slowenisch als Umgangssprache.Das Quellenmaterial der Originalbögen belegt Interventionen wie etwa Streichungen der nicht deutschen Umgangssprachen. Somit kann das Ausfüllen sowie Auswerten der Operate kaum als ideologiefreie Praxis betrachtet werden.

Bis heute arbeitet die Forschung mit den offiziellen Statistiken, in denen die Streichungen der Umgangssprachen aufgenommen wurden und so ein geringer Anteil an nicht-deutschsprechenden Personen aufscheint. Dieses Forschungsprojekt soll eine quellenkritische Betrachtung der Originalbögen liefern. Weiters sollen im Rahmen des Forschungsprojekts die Akten der Volkszählungen erschlossen und digitalisiert werden.

Ziele des Forschungsprojekts sind

  • die Rekonstruktion bislang unsichtbarer historischer Mehrsprachigkeit von Graz

  • Rekonstruktionen exemplarischer Sprachbiographien als Repräsentation der individuellen Ebene der statistischen Daten

  • eine kritische Darstellung der Diskurse rund um Praktiken des Ausfüllens/Auswertens

Eine Grundannahme dieses Projektes ist die Permanenz von Migration und Mobilität. Städte waren dabei immer die bevorzugten Siedlungsgebiete für Neuankommende, sowohl von außerhalb, als auch innerhalb nationaler Grenzen. Städte charakterisieren daher ein Nebeneinander historischer und gegenwärtiger Formen von Pluralität, die sich in soziokultureller und linguistischer Diversität äußern.

Das Forschungsprojekt kombiniert quantitative und qualitative Methoden, um die Mikro- und Makroebene der historischen Mehrsprachigkeit zu untersuchen. Die quantitative Analyse besteht aus einer Auswertung der Operate von knapp zehn Prozent aller Häuser im Grazer Stadtraum und berücksichtigt die Aspekte Umgangssprache, Geburtsort sowie Sozialstruktur. Die qualitative Analyse befasst sich mit exemplarischen Sprachbiographien einzelner Sprecher*innen. Es werden Personen über die Volkszählungen hinweg beobachtet, um mögliche Korrelationen zwischen Umgangssprache, sozialem Status und Lebensumständen aufzuzeigen. Darüber hinaus untersucht das Projekt die Sprachideologien und Diskurse, die hinter den Praktiken des Ausfüllens und Auswertens der Operate stehen, im Rahmen einer kritischen Diskursanalyse.

Credits

Ein Projekt von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Karl-Franzens-Universität Graz

Verantwortliche: Elke Murlasits, Christina Korb, Angelika Heiling

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