Repertoiredynamiken in der Migration am Beispiel dreier Sprecher_innengemeinschaften

Repertoiredynamiken in der Migration am Beispiel dreier Sprecher_innengemeinschaften

Die Studie Repertoiredynamiken in der Migration am Beispiel dreier Sprecher_innengemeinschaften steht im Kontext des Multilingual-Graz-Projekts. In einer Pilotphase wird die soziolinguistische Situation von drei Gemeinschaften untersucht.

Mithilfe semistrukturierter Interviews werden Daten zu Sprachverwendung, Spracheinstellung und Sprachtradierung erhoben. Die Sprachverwendung beschreibt das sprachliche Repertoire der jeweiligen Sprecher_innengemeinschaft und reflektiert neben der Funktionalität auch den Status der einzelnen Sprachen. Als emotiver Parameter gibt die Spracheinstellung Aufschluss über dominante Ideologien und die Rolle der jeweiligen Sprache als gruppenkonstituierenden Identitätsfaktor. Funktionale und emotive Faktoren beeinflussen die Sprachtradierung, die u. a. den Kompetenz- und Gebrauchswandel zwischen den Generationen aufzeigt. Ziel des Projekts ist die Beschreibung sprachlicher Pluralität im Kontext urbaner Mehrsprachigkeit, um die soziopolitische Relevanz der einzelnen Sprachen aufzuzeigen.

Das Teilprojekt ‘Die erste Sprache, die kommt, sprechen wir‘: Afrikanische Gemeinschaften in Graz mit Fokus auf Ruanda/Rundi-Sprecher_innen befasst sich mit Kinyarwanda- und Kirundi-Sprecher_innen aus Rwanda bzw. Burundi, die zusätzlich Swahili sowie Englisch und/oder Französisch verwenden. Die linguistischen Repertoires afrikanischer Gemeinschaften bestehen immer aus Varietäten mehrerer Sprachen: neben dem Deutschen, eine oder mehrere Sprachen der Herkunftsregion, darunter meist eine afrikanische Verkehrssprache, und eine, manchmal mehrere ehemalige Kolonialsprachen. Code-Switching ist folglich ein wesentliches Merkmal des kommunikativen Alltags. In Europa bleiben afrikanische Sprachen weitgehend unsichtbar. Mangelndes Wissen und die Geringschätzung dominierter Sprachen aufgrund des monolingualen Habitus europäischer Nationalstaaten führen zur Marginalisierung afrikanischer Sprachen. Wichtige Fragen in der Untersuchung sind folglich Prestige, Funktionalität und die identitätsstiftende Rolle dieser Sprachen für die verschiedenen Altersgruppen.

Das Teilprojekt PIZ – Persisch ist Zucker: Zur persischen Sprecher_innengemeinschaftbeschäftigt sich mit Sprecher_innen iranischen Migrationshintergrunds. Die heute Älteren innerhalb der Sprecher_innengemeinschaft kamen Anfang der 1980er Jahre nach Österreich und leben demgemäß bereits mehr als dreißig Jahre in Graz. Mitglieder der folgenden Generationen sind hier geboren und sozialisiert. Sie haben das heimische Schulsystem durchlaufen, wobei der Anteil an höheren Bildungsabschlüssen überdurchschnittlich ist. Das sprachliche Repertoire der ersten Generation umfasst neben mündlicher und schriftlicher Verwendung des Persischen bzw. Farsi manchmal auch Varietäten anderer Sprachen der Herkunftsregion (u. a. Azeri, Arabisch, Armenisch, Belutschisch, Mazanderani sowie Varietäten des Kurdischen). Im Fokus der Untersuchung stehen einerseits funktionale Veränderungen im Repertoire über die Generationen, anderseits aber auch deren Einstellungen bezüglich Status und Prestige der einzelnen Sprachen.

Das Teilprojekt ‘Die kleinen Sprachen gehen‘: Minderheitensprachen in der türkischen Sprecher_innengemeinschaft in Graz befasst sich mit der sprachlichen Situation innerhalb von Familien mit türkischem Migrationshintergrund, die z. T. seit Jahrzehnten in Österreich leben. Neben Kompetenzen im Deutschen reflektiert das sprachliche Repertoire dieser Sprecher_innengemeinschaft auch die linguistische Vielfalt des Herkunftslandes. Der Anteil an Sprecher_innen von Minderheitensprachen unter türkischen Migrant_innen beträgt annähernd 40% in Europa. Als Grundannahme kann gelten, dass die sprachpolitischen Gegebenheiten des Herkunftslandes in der Migration die soziolinguistische Situation der jeweiligen Sprecher_innengemeinschaften prägen. Die zahlenmäßig stärkste Sprache ist in diesem Zusammenhang das Kurmanji. Da sich die in Graz lebende kurdische Gemeinschaft aufgrund aktueller Entwicklungen in einem Prozess der sprachlichen Transformation und Neuorganisation befindet, werden auch syrische Kurd_innen in die Untersuchung einbezogen.

Link zur Publikation: http://glm.uni-graz.at/publikationen/gps.html

Credits

Ein Projekt von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Karl-Franzens-Universität Graz

Verantwortliche: Martin Fripertinger, Agnes Grond, Kerstin Gruber, Angelika Heiling, Christina Korb

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