MULTILINGUAL GRAZ
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Sprachenlandschaft Graz
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Sprachenlandschaft Graz
Eine Stadt spricht 150 Sprachen

 
Graz ist bekannt als UNESCO-Welterbe, Stadt der Menschenrechte, Kultur- und Genusshauptstadt und seit 2011 auch als „City of Design“. Weitgehend unbekannt ist jedoch die Rolle von Graz als „Stadt der Sprachen“: Unglaubliche 150 verschiedene Sprachen werden in Graz gesprochen!

Mehrsprachigkeit ist ein Geschenk: Wer Sprachenlandschaften erkundet, erfährt, dass die sprachliche Vielfalt eine große Bereicherung ist, für den Einzelnen wie für die Gesellschaft.

Die Ausstellung “Sprachenlandschaft Graz. Eine Stadt spricht 150 Sprachen” von Akademie Graz, treffpunkt sprachen / Plurilingualismus und [spiːk], die im Herbst 2011 im Stadtmuseum Graz gezeigt wurde, führt erstmals durch die Grazer Sprachenlandschaft. Die Dokumentation beruhte auf den Ergebnissen des Forschungsschwerpunkts Multilingual Graz von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Karl-Franzens-Universität Graz. Das Ausstellungsbüro perpetuum hat dafür ein professionelles Designkonzept entwickelt: Der multimediale und interaktive Parcours durch das Foyer des Stadtmuseums war ein Highlight im steirischen Ausstellungsherbst 2011.

Mit Kunstbeiträgen von: Danica Dakić (D/BH), Lullaby of the Earth, Klanginstallation am Mursteg; Delain Le Bas (GB), „I AM NOTA TOURIST I LIVE HERE“; Karin Lernbeiß (A), Fotodokumentation Sprachenlandschaft Graz; Christof Neugebauer (A), Shaking Hands, interaktive Klanginstallation im Stadtmuseum Graz; Josef Wurm (A), o.T.

Ausgewählte Inhalte der Ausstellung

Sprachenlandschaft Graz
FOTO: Marcus Wiesner

Unsere gemeinsame Sprache im Alltag ist Deutsch

Sprachliche und kulturelle Vielfalt ist, obwohl Realität in Graz, im Stadtraum kaum sichtbar. Vielfalt wird nach wie vor weniger als Bereicherung denn als Gefahr der "Verfremdung der Heimat" gesehen. Diese Angst ist unbegründet, denn unsere gemeinsame Sprache im Alltag und in der Verwaltung ist und bleibt Deutsch. Es geht einzig um die Wertschätzung von Vielfalt - der positive Umgang mit Vielfalt ist eine Investition in die Zukunft. Eine Voraussetzung dafür ist, dass es selbstverständlich wird, im öffentlichen Raum viele Sprachen zu erleben. Ignoranz in Bezug auf den vielfältigen sprachlichen und kulturellen Hintergrund von Menschen trifft nicht nur MigrantInnen, sondern auch hochqualifizierte Schlüsselarbeitskräfte, die sich dementsprechend unwohl in dieser Stadt fühlen. Es bedarf eindeutiger Schritte der Politik, um dieser Ignoranz und Fremdenfeindlichkeit einen positiven Umgang mit der in Graz vorhandenen Vielfalt entgegenzusetzen.

Sprachenlandschaft Graz
FOTO: WSNA

Sprachenlandschaften

Welche Sprachen werden in der Stadt gesprochen? Welche Sprachen sind im öffentlichen Raum sichtbar? Mit diesen Fragen befasst sich die Linguistic Landscape-Forschung. Sie geht davon aus, dass ein Stadtraum wie Graz auch eine Sprachenlandschaft ist. Diese Landschaft entsteht, indem unterschiedliche Sprachen in der Stadt präsent sind, wie beispielsweise auf Schildern, Plakaten, Formularen oder Graffitis.

Zugleich bildet die Sprachenlandschaft auch das Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten ab. Sprachen sind innerhalb des städtischen Raumes in unterschiedlichem Maß sichtbar. Die starke Präsenz bestimmter Sprachen zeigt, dass diese Sprachgemeinschaften institutionell und demografisch gut eingebunden sind.

Die Untersuchung der Sprachenlandschaft offenbart auch Forderungen an eine Sprachenpolitik. Denn obwohl in Graz an die 150 Sprachen gesprochen werden, sind andere Sprachen neben Deutsch kaum sichtbar.

Sprachenlandschaft Graz
FOTO: Karin Lernbeiß

Unser Alltag ist mehrsprachig …

Wir achten meist nicht darauf, aber Mehrsprachigkeit ist bereits Teil unseres Alltags. Ob Medien, Freizeit oder Konsum, überall begegnen wir verschiedenen Sprachen.

Die Internationalisierung von Handel und Konsum bringt das gleiche Produkt an KundInnen in unterschiedlichen Sprachräumen. Über die Betriebsanleitungen, die so umfangreich sind, weil sie in vielen Sprachen beigepackt sind, oder über die Waschanleitungen in mehr als zehn Sprachen im neuen Pullover machen wir uns keine Gedanken.

Sensibel reagieren wir, wenn Mehrsprachigkeit symbolisch wird. Dann verunsichert die Präsenz anderer Sprachen als Deutsch. Eine Milchpackung, auf der auch in Türkisch „Milch“ steht, wird zur Bedrohung, weil wir dahinter nicht nur Information, sondern auch politische Ansprüche vermuten.

Sprachenlandschaft Graz
FOTO: WSNA

Was ist Plurilingualismus?

Plurilingualismus bedeutet individuelle Mehrsprachigkeit. Mehrsprachige Personen verwenden situationsabhängig unterschiedliche Sprachen. Für die Definition ist es nicht wesenlich, ob sie die Sprachen perfekt beherrschen.

Multilingualismus bezieht sich auf die Mehrsprachigkeit von Gemeinschaften, in denen die Menschen dann sowohl mehrsprachig (plurilingual) als auch einsprachig (monolingual) sein können.

Sprachenlandschaft Graz
FOTO: WSNA

Was unterscheidet Sprache von Dialekt?

Anders als oft behauptet sind Verschriftung, Standardisierung oder auch die gegenseitige Verständlichkeit keine allgemein gültigen Kriterien, um Sprache von Dialekt zu trennen: Sprachen wie Russisch und Ukrainisch sind wechselseitig verständlich, Dialekte wie Plattdeutsch und Alemannisch sind es zum Beispiel nicht.

Ob etwas als Sprache oder Dialekt bezeichnet wird, hängt von historischen wie auch von politischen Gründen ab. Idiome, die innerhalb eines Staates gesprochen werden, werden meist als Dialekte bezeichnet, wie etwa in China.

Umgekehrt bestehen Nationen oft darauf, trotz vieler Gemeinsamkeiten ihre jeweiligen Sprachen als unterschiedlich zu betrachten – Beispiele sind Serbisch und Kroatisch.

Sprachenlandschaft Graz
FOTO: WSNA

Einsprachigkeit ist die Ausnahme.

Jede Sprache trägt eine Vielfalt kultureller Begegnungen in sich. Unsere heutigen Sprachen sind das Ergebnis vergangener Sprachmischungen. Sprachen sind stets in Bewegung, exakte Grenzziehungen sind daher nicht möglich.

Dennoch gibt es in Europa eine Tradition, die der Mehrsprachigkeit mit Vorbehalten gegenüber steht. Diese Haltung wurzelt in der historischen Forderung nach ethnischer, kultureller und sprachlicher Einheit der Nation, die letzten Endes zu den größten Gewalttaten des 20. Jahrhunderts im Zuge „ethnischer Säuberungen“ führte.
Besonders in Westeuropa ist die Vorstellung der einsprachigen Nation selbstverständlich.
Weltweit betrachtet ist aber das mehrsprachige Zusammenleben vorherrschend. In vielen Regionen der Welt hat es lange Phasen einer stabilen Mehrsprachigkeit gegeben, wo neben einer überregionalen Verkehrssprache zahlreiche lokale Sprachen verwendet wurden.
Vielleicht führt das „Europa der Regionen“ zu einem neuen Modell kultureller und sprachlicher Vielfalt in Europa.

Sprachenlandschaft Graz
FOTO: WSNA

Resümee

Die Ausstellung war ein großer Publikumserfolg. In sechs Wochen besuchten über 5500 Personen die Auststellung, darunter sehr viele Schulklassen! Das sehr positive Feedback zur Ausstellung zeigt, dass eine Politik der Vielfalt jedenfalls Zustimmung erhält.
 
„Vielfalt ist ein revolutionärer Vorteil und wird nicht bestraft, wie die Babel-Legende behauptet, sondern belohnt. Die Erde ist das Haus der Vielen und der Vielfalt“.
(Zitat Peter Weibel aus seinem Text zur Ausstellung)
 
Wir freuen uns, die Ausstellung „Sprachenlandschaft Graz“ im Jahr 2012 im Rahmen der Sprachenbusreise durch Graz noch einmal zeigen zu können, und in der Folge zu einer Wanderausstellung für Schulen umzuarbeiten.

Credits

Eine Ausstellung von Akademie Graz, treffpunkt sprachen der Karl-Franzens-Universität Graz und [spiːk].

Kuratorinnen: Barbara Schrammel-Leber und Astrid Kury. Wissenschaftliche Mitarbeit: Daniel Lorenz.
Konzept und Umsetzung: Judith Huber und Enrico Barth − perpetuum. Grafische Gestaltung: Georg Liebergesell.
Texte: Astrid Kury, Barbara Schrammel-Leber, unter Mitarbeit von Joachim Hainzl, Daniel Lorenz, Elisa Rosegger-Purkrabek und Jakob Wiedner.

Kooperation mit: stadtmuseumgraz, steirischer herbst, Verein Europäisches Fremdsprachenzentrum in Österreich, Österreichisches Sprachen-Kompetenz-Zentrum, Pädagogische Hochschule Steiermark, Radio Helsinki

Wir danken für die freundliche Unterstützung: Europäischer Tag der Sprachen/bmukk, Integrationslandesrätin Dr.in Bettina Vollath, Holding Graz - Kommunale Dienstleistungen GmbH, Österreichische Gesellschaft für politische Bildung, Europe direct/Land Steiermark, Holding Graz Bestattung, Energie Graz, AVL List GmbH, Shopping City Seiersberg, Grazer Wechselseitige Versicherung AG, Kulturabteilung Land Steiermark, Stadt Graz Kultur/Wissenschaft/Tourismus, Industriellenvereinigung Steiermark.
Medienpartner: ORF Steiermark, Kleine Zeitung

MULTILINGUAL GRAZ ist ein Forschungsprojekt von treffpunkt sprachen / Plurilingualismus der Universität Graz
© 2012